21.06.2026

Evangelische Kirchen in Europa: Verstärkung des Engagements gegen sexualisierte Gewalt

Von 19. bis 21. Juni fand in Warschau die Konferenz der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) statt und startete einen Austausch- und Umsetzungsprozess zu Schutzmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt.

GEKE will Standards des Europarates zum Schutz vor Missbrauch umsetzen

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), zu der 40 Millionen Protestant*innen gehören, unterstützt die Resolution 2533 der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Sie ruft ihre Mitgliedskirchen dazu auf, Schutz- und Aufarbeitungsmaßnahmen mit hoher Priorität einzuführen bzw. weiterzuentwickeln.

Gewaltschutz und Unterstützung für Betroffene liegen im Herzen des kirchlichen Auftrags

In einer Erklärung betont der Rat der GEKE, dass sichere Räume für Kinder, Jugendliche und schutzbedürftige Erwachsene ein zentraler Bestandteil kirchlichen Handelns sein müssen. Er erkennt an, dass die evangelischen Kirchen Europas diesem Auftrag in der Vergangenheit nicht immer gerecht geworden sind und dass Menschen in kirchlichen Kontexten schweres Unrecht erfahren haben. Deshalb ruft der Rat alle Mitgliedskirchen dazu auf, der Einführung und Weiterentwicklung von Schutzmaßnahmen höchste Priorität einzuräumen und die in der Resolution dargestellten Standards für die Aufarbeitung von Kindesmissbrauch umzusetzen. 

„Der Schutz vor sexualisierter Gewalt ist keine Zusatzaufgabe, sondern gehört ins Herz unseres kirchlichen Auftrags. Wo Kirche von Gottes Liebe spricht, muss sie alles dafür tun, dass Menschen keinen Missbrauch erleiden und Betroffene unterstützt werden.”

Rita Famos, Präsidentin der GEKE und der Ev.-reformierten Kirche Schweiz 

Die Vollversammlung der GEKE hat ihren Rat im Jahr 2024 damit beauftragt, einen Arbeitsprozess aufzusetzen, in dem unter den evangelischen Kirchen in Europa Erfahrungen mit Schutzmaßnahmen ausgetauscht, ausgewertet und gute Praktiken gefördert werden sollen. Die Konferenz bot ein großes Forum für die Inhalte und den Start dieses Prozesses.

Die Konferenz fand statt in Kooperation mit der Guido Fluri Stiftung. Die Stiftung hat mit ihrem langjährigen Engagement für Betroffene von Missbrauch und ihrer europäischen Justice Initiative wesentlich dazu beigetragen, dass das Thema auf dieser Ebene die notwendige Aufmerksamkeit erhält. 

Fluri-Stiftung initiiert Volksinititative und Resolution des Europarates

Für Guido Fluri, Präsident der europäischen Opferorganisation Justice Initiative - European Response to child abuse cases ist dieser Beschluss ein Meilenstein im Kampf der Überlebenden von Missbrauch: „Die GEKE hat heute den Grundstein für ein kollektives Umdenken gelegt. Sie wird Vorbild für Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen weltweit, die mit der Aufarbeitung der eigenen Missbrauchsfälle, aber auch mit Prävention und Schutz noch am Anfang stehen.“ 

Die Justice Initiative mit Ablegern in ganz Europa, hat in der Schweiz mit einer Volksinitiative wesentlich zur Wiedergutmachung bei 12 000 Missbrauchsopfern beigetragen. Außerdem hat sie 2024 beim Europarat erfolgreich für die Resolution 2533 lobbyiert. Diese wurde ohne Gegenstimme von der parlamentarischen Versammlung des Europarates angenommen und verpflichtet die Mitgliedsstaaten, die Aufarbeitung nach Schweizer Vorbild voranzutreiben. Dies betrifft auch Missbräuche im kirchlichen Kontext. Siehe www.guido-fluri-stiftung.ch

Die parlamentarische Versammlung ist ein Organ des Europarates und eine eigenständige internationale Organisation für Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit 46 Mitgliedsstaaten, darunter auch alle EU-Länder. Sie ist kein Organ der Europäischen Union, besteht jedoch aus Politiker*innen, die von den nationalen Parlamenten der 46 Mitgliedsstaaten entsandt sind.

Konferenz vernetzt sich zu Standards und deren Umsetzung

In Warschau kamen Vertreter*innen aus mehr als 40 evangelischen Kirchen in Europa zusammen. Die Zielsetzung der Konferenz sei vorbildhaft, sagt Dorothee Wüst, Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz und Mitglied des Beteiligungsforum sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in dem Maßnahmen mit paritätischer Beteiligung betroffener Menschen beschlossen werden. Sie sagt: „Als Vertreter*innen evangelischer Kirchen in Europa verpflichten wir uns für unsere kirchlichen Kontexte, Schutzrichtlinien und Maßnahmen zu entwickeln, umzusetzen, zu evaluieren und aufrechtzuerhalten. Hierzu vernetzen wir uns auf der Konferenz in Warschau erstmals international.“

Hintergrund

An der Konferenz in Warschau nahmen rund 100 Personen aus allen europäischen Ländern teil. 

Die GEKE ist die protestantische Stimme Europas für 40 Millionen Gläubige. Ihr gehören 96 lutherische, reformierte, unierte und methodistische Kirchen aus mehr als 30 Ländern Europas und teilweise auch Südamerikas an. Sie hat ihren Sitz seit 2007 in Wien. Mehr Informationen siehe: www.leuenberg.eu/de/

Mit der Leuenberger Konkordie wurde vor etwas mehr als 50 Jahren (1973) ein kirchlicher Brückenschlag historischer Dimension vollzogen: Die gegenseitige Anerkennung der evangelischen Kirchen in Europa. Seither kann eine lutherische Pfarrerin auf einer reformierten Kanzel predigen und ein reformierter Gläubiger das Abendmahl bei einem lutherischen Gottesdienst empfangen.